Von einbalsamierten Merkels und Steinbrücks im Glassarg


Hugo Chavez soll, so las ich heute, einbalsamiert, mumifiziert und in einem Glassarg so wie annodazumal Lenin öffentlich in einem Mausoleum aufgebahrt werden.  Mehrere Millionen Menschen stehen bis zu 20 Stunden an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Ich gehe mit meinem Blog-Freund FidelChe absolut d’accord, wenn er schreibt:

In seiner Amtszeit hat Hugo Chávez durchaus Erfolge vorzuweisen. Durch den staatlichen Zugriff auf den Ölreichtum gelang eine gewisse Umverteilung, sodass die Armutsbekämpfung vorangetrieben werden konnte. Chávez  hat die Ölpreisexplosion dafür genutzt, einen kleinen Teil des Ölreichtums gegen Intelligenz und Pflege zu tauschen. 20.000 Lehrer, Ärzte und Pfleger aus Kuba helfen in Venezuela bei der Alphabetisierung und Krankenversorgung….

…Chávez , der gläubiger Christ und überzeugte Marxist, der Volkseigentum und Privatbesitz, sowie die antiimperialistische Linke mit der islamischen Revolution versöhnen wollte, ist mit seiner Quadratur des Kreises gescheitert. Ob nun der Mahdi oder Christus zurückkehren werden, was Mahmoud und Hugo glaub(t)en, die deutschen Anhänger der beiden “Führer” sind mir fast noch unsympathischer als die Originale.

Und dann bin ich doch beeindruckt von der wirklich überwältigenden Trauer, die in Venzuela und offensichtlich in weiten Teilen Lateinamerikas gerade herrscht.

Dann stelle ich mir vor, was wohl passiert, wenn die hiesigen Protagonisten der Volksverarmung und Verelendung, die Retter der Banken und die Euroanbeter, die Arbeitsplatzvernichter und Staaten-in-den-Bankrott-Sparer, die, die der Jugend Europas die Perspektiven rauben und die Alten ins Elend stürzen, die die Welt für eine Aktiengesellschaft halten, in der mit allem, auch mit Lebensmitteln spekuliert und gepokert werden darf, sterben.

Die Merkels, Brüderles, Steinbrücks, Seehofers, Schäubles, Steinmaiers, Roths und Trittins. Die gesamte Palette dieser moralfreien Apparatschiks.

Heult denen irgendwer eine Träne nach?  Die bekommen alle ihren Staatsakt und drei Salutschüsse von der Bundeswehr, die sich global in Kriegseinsätzen befindet. Und ihren Nachruf in den Gazetten und ein Portrait in der Staatsgalerie.

Aber anstehen für Merkel? Trauern um Steinbrück?

Gar einbalsamieren und in ein Mausoleum stecken?

Das wird hier nicht passieren, sie werden mit einem Achselzucken verabschiedet, weil sie nichts, was wirklich erwähnenswert im Sinne von Menschlichkeit und dem Streben nach einer gerechten Gesellschaft ist, geleistet haben.  Und dann kommen ihre Nachfolger, ein Haupt der Medusa abgeschlagen und zwei neue Häupter, die sich dem Prinzip der Gier untergeordnet haben, wachsen nach.

Und Mumien sind sie eh schon. Die toten Augen der machtversessenen und nur in sich selbst verliebten Politprofis schauen jeden Tag tausendfach in die Kameras der von ihnen beherrschten Medien.

Das unterscheidet sie tatsächlich diametral von Hugo Chavez.

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Die kleine Hexenjagd


Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Das ist gut gemeint, aber ein Vergehen an der Literatur.

Hier ein Artikel aus der „Zeit online“, den ich zu diesem Thema sehr gut finde:

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Otfried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“

 

Artikel 5 des Grundgesetzes behauptet: »Eine Zensur findet nicht statt.« Was aber, wenn sie doch stattfindet? In der menschenfreundlichen Absicht, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen? Bekannte deutsche Verlage haben angekündigt, ihre Kinderbuch-Klassiker zu überarbeiten und Formulierungen, die als verletzend empfunden werden könnten, durch neutrale zu ersetzen. Klaus Willberg vom Thienemann Verlag, der die Bücher von Michael Ende und Otfried Preußler verlegt, beabsichtigt, »veraltete und politisch nicht mehr korrekte Begrifflichkeiten« zu entfernen: Wie anders als Zensur oder Fälschung soll man das nennen? 

In Preußlers Buch Die kleine Hexe verkleiden sich Kinder als Neger, Chinesenmädchen und Türke. Diese Begriffe sollen nach Willbergs Willen verschwinden: »Die Kinder werden sich als etwas anderes verkleiden.« Ihre Auswahl schrumpft: Als Indianer, Zigeuner oder Eskimo können sie auch nicht gehen, das wäre diskriminierend, ein Dornröschen wäre sexistisch, ein Scheich islamfeindlich. Und Hexe geht ja schon lange nicht mehr. 

Vielleicht Pirat? Pippis Herzenswunsch ist, Seeräuber zu werden. Einstweilen ist die Heldin von Astrid Lindgrens legendärer Trilogie Pippi Langstrumpf lediglich »Negerprinzessin«. Das heißt, sie war es. Der Oetinger-Verlag hat schon vor Jahren alle »Neger« entfernt. Heute ist Pippi »Südseeprinzessin«. Damals, Mitte der vierziger Jahre, als der erste Band in Schweden erschien, sei der Begriff noch nicht verletzend gewesen, sagt der Verlag, heutzutage könne man ihn so nicht stehen lassen. Ein Furor politischer Korrektheit verbreitet sich im Land. Die Ministerin Kristina Schröder, im Interview mit der ZEIT gefragt, wie sie mit dem »kleinen Neger« umgehen würde, der gleich zu Beginn in Michael Endes Roman Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auftaucht, antwortet, sie würde daraus beim Vorlesen »ein Baby mit schwarzer Hautfarbe« machen. 

Schauen wir uns die Szene an. Auf der Insel Lummerland, die unter der Regentschaft von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften von Frau Waas, Herrn Ärmel und Lukas dem Lokomotivführer bewohnt wird, kommt eines Tages ein Paket an. Man öffnet es: 

»›Ein Baby!‹, riefen alle überrascht, ›ein schwarzes Baby!‹ – ›Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein‹, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.« 

Frau Schröder würde übersetzen: »›Ein Baby!«, riefen alle überrascht, ›ein schwarzes Baby!‹ – ›Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein‹, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.« 

Herr Ärmel ist ein Mann von großer Güte und kleinem Verstand, aber so blöde dann doch nicht. Und der Witz der Szene verschwindet. Denn der eigentliche Schwarze auf Lummerland ist Lukas, der täglich mit seiner Lokomotive auf der Insel herumfährt und den Ruß nie ganz von der Haut kriegt, trotz seiner »besonderen Lokomotivführerseife«. Er bleibt also schwarz, »aber wenn er lachte, sah man in seinem Mund prächtige weiße Zähne blitzen. Außerdem trug er im linken Ohrläppchen einen kleinen goldenen Ring.«

Ist es Rassismus, wenn Pippi sagt: »Alle Menschen im Kongo lügen«? 

Man sieht: Lukas ist der Karnevalsneger, Jim Knopf ist der richtige Neger. Wer da mit Korrekturen anfängt, darf gar nicht mehr aufhören. Das gilt erst recht für Pippi Langstrumpf . Der Antisemitismus- und Rassismusforscher Wolfgang Benz hat vor einiger Zeit entdeckt, Astrid Lindgrens Buch sei »mit Ressentiments befrachtet« und von »Kolonialrassismus« gezeichnet. Beweis dessen: Pippi behaupte, alle Menschen im Kongo lögen.Ja, sie sagt das, und es kommt so: Pippi geht eines Tages auf der Straße rückwärts. Von den Nachbarskindern Thomas und Annika darauf angesprochen, antwortet sie: »Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte?« In Ägypten zum Beispiel, wo sie schon einmal gewesen sei, gingen alle Menschen so, und in Hinterindien liefen sie auf den Händen. »›Jetzt lügst du‹, sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. ›Ja, du hast recht, ich lüge‹, sagte sie traurig. ›Lügen ist hässlich‹, sagte Annika. ›Ja, Lügen ist sehr hässlich‹, sagte Pippi noch trauriger. ›Aber ich vergesse es hin und wieder, weißt du. Und übrigens‹, fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht, ›will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.‹« 

Sprache ist immer kontaminiert von den Zeitumständen

Selbstverständlich ist es die Aufgabe eines Rassismusforschers, Rassismus ausfindig zu machen, aber er sollte sein Augenmerk vielleicht lieber auf die Realität richten als auf die Fiktion. Pippi Langstrumpf ist nämlich nicht nur ein Kinderbuch, sondern auch ein literarisches Meisterwerk. Es spielt virtuos mit verschiedenen Ebenen von Wahrheit und Wirklichkeit. Wenn Pippi zugibt, dass sie leider oft lüge, und zugleich behauptet, dass alle Kongolesen lögen, erinnert sie an das von dem britischen Philosophen Bertrand Russell formulierte berühmte Paradoxon: »Epimenides, der Kreter, sagte: Alle Kreter sind Lügner.« 

Für Kinder ist das kein Problem, nur für Erwachsene. Und die Erwachsenen haben Pippi nie wirklich gemocht. In Frankreich war das Buch, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, mehr als vierzig Jahre lang nur in einer stark redigierten Fassung zu haben. Alle provozierenden Passagen, vor allem Pippis ausgesprochen rotzigen Umgang mit den Lehrern, hatte man gestrichen. Als Astrid Lindgren davon erfuhr, erschien 1995 endlich die richtige Fassung. Aber Pippi ist nicht nur rotzig, nicht nur eine Anarchistin, sie hat auch einen scharfen Kopf. Einmal wird sie von der Lehrerin für eine gute Tat gelobt: »Dazu sind wir ja da, damit wir gut und freundlich zu anderen Menschen sind.« Pippi entgegnet: »Hehe, und wozu sind die anderen Menschen da?« 

Dem Wegfall der Negerprinzessin haben Lindgrens Erben offenbar zugestimmt. Man will ja keinen Ärger. Es ist aber sonnenklar, dass Pippis »Neger« nichts anderes sind als eine haltlos-unschuldige Spielerei mit jenem Phantasma des naiven Naturvolks, das schon Gauguin umgetrieben hat. Pippi fährt ja in die Südsee, wo es bekanntlich keine Schwarzen gibt, weshalb Kritiker bemerkt haben, man müsse »Polynesier« sagen. Das steht aber nicht bei Lindgren. Da steht »negerprinsessa«, und an einer Stelle sagt Pippi: »Ich werde einen eigenen Neger haben, der mir jeden Morgen den ganzen Körper mit Schuhcreme putzt. Damit ich ebenso schwarz werde wie die anderen Negerkinder. Ich stelle mich jeden Abend zum Putzen raus, zusammen mit den Schuhen.« Das verstehen heute, da in den allermeisten Hotels die Schuhe nicht mehr geputzt oder gewichst werden, selbst Erwachsene nicht mehr. 

Die Bedeutung von »Neger« hat sich tatsächlich gewandelt. Heute ist es ein herabsetzender Begriff, der sich im respektvollen Umgang verbietet. In einem literarischen Text aber kann er erlaubt sein, zum Beispiel bei Rollenprosa. Aber auch die kann problematisch werden. Der Schriftsteller Uwe Timm etwa setzt sich in seinem Roman Morenga mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika auseinander. Darin heißt es: »Oberveterinär Gottschalk wurde von einem Neger an Land getragen.« 

Er sei für diese Formulierung heftig kritisiert worden, sagt Timm nun gegenüber der ZEIT – übrigens nicht von Afrikanern, sondern von Deutschen. »Aber diese Passage wird aus dem Blickwinkel Gottschalks erzählt, und für den waren die Schwarzen bloß die Neger.« Man könne den historischen Wortgebrauch nicht einfach übergehen und quasi eine reine Sprache herstellen. Das wäre Geschichtsklitterung. 

In der Tat: Jeder Sprachgebrauch ist kontaminiert von den Zeitumständen. In Schillers Drama Die Verschwörung des Fiesco zu Genua tritt ein Schwarzer auf: »Muley Hassan, Mohr von Tunis. Die Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune«. Er versucht erfolglos, Fiesco zu erdolchen. Für Geld tut er alles, und für eine höhere Prämie wechselt er auf Fiescos Seite. Davor sagt er: »Herr, einen Schurken könnt Ihr mich schimpfen, aber den Dummkopf verbitt ich.« Darauf Fiesco: »Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?« 

Vielleicht ist es gut, dass das Stück heute fast nicht mehr gespielt wird. Andererseits ist der Begriff Mohr so erkennbar altmodisch, dass man ihm eine unheilvolle Wirkung kaum noch unterstellt. Und schließlich ist Schiller hohe Literatur, da ist man vorsichtiger. 

Bei Kinder- und Jugendbüchern jedoch herrscht nun der Alarmzustand. Die zahllosen Robinson-, Moby Dick – und Gulliver -Ausgaben für Jugendliche wurden schon immer gekürzt und zensiert. Das spielte insofern keine Rolle, als sich jeder, wenn er alt genug war, die Originale leicht zu Gemüte führen konnte. Wie aber steht es jetzt im Fall von Astrid Lindgren, Otfried Preußler und Michael Ende? Und womöglich von vielen anderen, deren Texte längst stillschweigend zensiert wurden? Auch das sind Werke der Literatur, deren Entstehungszeit ihren Sprachgebrauch und ihr gesamtes Wesen unvermeidlich geprägt hat. Darf man diese Prägung wegredigieren? Und darf man Pippis lügnerisches Volk zuerst im Kongo, dann in Nicaragua und schließlich in Kenia lügen lassen, wo der Verlag es nacheinander angesiedelt hat, während es bei Astrid Lindgren seit je im Kongo gelogen hat? 

Die Verlage fummeln ja nicht allein aus moralischen Gründen. Klaus Willberg, von der ZEIT dazu befragt, erklärt, in älteren Büchern gebe es zuweilen Wendungen, die den heutigen Kindern nicht mehr verständlich seien. Den Ausdruck »Schuhe wichsen« müsse man durch »Schuhe putzen« ersetzen und das veraltete »Handy« durch das aktuelle »Smartphone«. Es geht mit anderen Worten darum, die Akzeptanz der Kinderbuch-Klassiker auf dem gewohnten Verkaufsniveau zu halten und die jungen Kunden nicht durch ein ungewohntes Vokabular abzuschrecken. Aber dieser Versuch, eine totale Gegenwärtigkeit herzustellen, muss bei anspruchsvollen Texten scheitern. 

Winston Smith, der Held von George Orwells Roman 1984, ist Angestellter im sogenannten Wahrheitsministerium. Seine Aufgabe besteht darin, Bücher und Zeitungsberichte umzuschreiben, also rückwirkend zu verfälschen. Seine Freundin Julia ist jünger als er, sie ist unter dem Regime des Großen Bruders aufgewachsen. Eines Tages sagt er zu ihr: »Ist dir klar, dass die Vergangenheit tatsächlich ausgelöscht worden ist? Alle Dokumente sind entweder vernichtet oder gefälscht worden, jedes Buch hat man umgeschrieben, jedes Gemälde neu gemalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Die Historie hat aufgehört zu existieren.« 

Die mörderischen Ideen rechter Schläger entstehen nicht durch fehlgeleitete Lektüre der „Kleinen Hexe“ 

So weit sind wir glücklicherweise nicht. Es ist nicht Orwells Großer Bruder, der interveniert, sondern der Kleine Bruder politische Korrektheit. Dessen rastlose Tätigkeit sollte man aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener zahllosen, oftmals staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem Auftrag, sei es Feminismus, Antisemitismus oder Antirassismus, agieren und die mit ideologisch geschärftem Nachtsichtgerät dunkle Abweichungen vom Pfad der Gerechten unverzüglich aufdecken. Wer sucht, der findet. Aber leider recht selten jene hasserfüllten Schläger, deren Untat für alle sichtbar ist. Wenn die überhaupt je gelesen haben, sind sie auf ihre mörderischen Ideen sicherlich nicht durch die fehlgeleitete Lektüre der Kleinen Hexe oder Pippi Langstrumpfs gekommen. 

Zweifellos gibt es Rassismus in diesem Land, und es gibt immer mehr Mitbürger nichtdeutscher Herkunft, die Wörter wie »Negerkuss« oder »Mohrenkopf« nicht sehr komisch finden und die in der Idee, sich als »Neger« oder »Türke« zu verkleiden, den Ausdruck jenes »weißen Dominanzdenkens« erkennen, das Wolfgang Benz an Astrid Lindgren kritisiert. 

Mekonnen Mesghena zum Beispiel sieht das so. Als Flüchtling aus Eritrea kam er im Alter von vierzehn Jahren nach Deutschland, machte Abitur, studierte Journalistik, war beim WDR und leitet nun das Referat »Migration & Diversity« der Heinrich-Böll-Stiftung. Er war es, der den Thienemann Verlag durch einen »massiven, in der Sache aber korrekten Beschwerdebrief«, so Willberg, dazu bewog, die Kleine Hexe zu überarbeiten. 

Im Gespräch mit der ZEIT schildert Mesghena die Hürden und Vorurteile, die er im Lauf seines Lebens zu überwinden hatte. Als er seiner Tochter aus der Kleinen Hexe vorlas, stieß er auf das Kapitel, in dem sich die Kinder verkleiden. »Ich geriet ins Stocken. Das hat sie gemerkt und gefragt: Was ist los? Ich habe gesagt: Das wimmelt nur so von rassistischen Ausdrücken. Für sie ist das kein Fremdwort. Sie weiß, dass ich mit dem Kindergarten gesprochen habe, damit das Wort Neger dort nicht mehr verwendet wird. Ich habe sofort an den Verlag geschrieben, dass ich die Ausdrücke rassistisch finde.« 

Nun könnte man Mesghena entgegnen, er möge bedenken, dass alles Geschriebene dem Gesetz sprachlichen Altwerdens unterliege. Und dieses Gesetz werde nicht dadurch beseitigt, dass man Texte umschreibe, handele es sich um die Bibel oder um die Kleine Hexe . Und zweitens könnte man ihm sagen, dass die von ihm monierten Bücher in der Lesebiografie deutscher Kinder, die heute oftmals erwachsen seien, eine wichtige Rolle gespielt hätten und dass man ihnen nicht die Erinnerung stehlen dürfe. Damals sei es ein gewiss unschuldiges Vergnügen gewesen, sich als Türke oder Neger zu verkleiden. So wie ja auch unter den Heiligen Drei Königen, die als Sternsinger in die Wohnungen kommen, bis heute immer einer sei, der sich als Mohr verkleide, obwohl der Bibeltext keinen Hinweis darauf gebe. 

So könnte man sprechen, müsste aber zuvor auf ein höchst verbreitetes Argument eingehen, das bei Kristina Schröder auftaucht, wenn sie sagt: »Auch ohne böse Absicht können Worte Schaden anrichten.« Damit ist gemeint, dass die – ob leichtfertige, ob spielerische – Verwendung des Wortes »Neger« den Samen des Rassismus sät, der, einmal in den Boden der kindlichen Seele gesenkt, böse Früchte trägt. 

Das, mit Verlaub, ist ein naiver Gedanke. Er setzt eine Art Unschuld des Kindes voraus, die sich dadurch bewahren lasse, dass man es vor schädlichen Vokabeln schütze. Er übersieht den simplen Sachverhalt, dass keine Erziehungsidee jemals direkt zum Ziel gelangt ist (zum Glück), denn der Charakter eines Menschen entsteht dialektisch, über Figuren der Spiegelung, des Widerspruchs, der Überbietung. Sodass ein Kind, das von Beginn an gelernt hätte, wie böse es sei, »Neger« zu sagen, vielleicht irgendwann von der Lust ergriffen würde, es endlich zu sagen – und die verächtlichen Implikationen womöglich für wahr zu halten. 

Glaubt im Ernst jemand, man erziehe Astrid-Lindgren-Leser zu Rassisten, wenn man den Text nicht reinige? Sollte man die pädagogische Energie nicht besser auf das Heer jener Illiteraten richten, die von Pippi Langstrumpf noch nie etwas gehört haben und trotzdem genau wissen, wer der Neger ist? 

Was eigentlich sagen die jungen Leser selbst dazu? 

Die ZEIT hat zwei Hamburger Schulklassen das Problem vorgelegt. Hier einige Antworten: »Früher dachten viele Deutsche, sie seien klüger als Menschen aus anderen Ländern. Sie fanden es lustig, sich zum Beispiel als Türken, Chinesen und Neger zu verkleiden. Meine Eltern kommen aus Spanien und der Türkei. Deshalb kann ich über so etwas nicht lachen.« 

Oder: »Wenn man jemanden Negerlein nennt, klingt das wie der Name für ein Haustier. Und das ist gemein! Wenn solche Wörter in Büchern vorkommen, muss man die Bücher ändern.« 

Schließlich: »Das Wort Negerkuss darf man heute nicht mehr sagen, das ist schwarzen Menschen gegenüber gemein. Deshalb sollte das Wort Neger auf keinen Fall in einer Geschichte vorkommen.« So oder ähnlich lauteten die allermeisten Antworten. 

Was folgt daraus? Wenn das Ergebnis repräsentativ ist (was wir nicht wissen), so ist es höchst ermutigend. Es bedeutet nämlich, dass Kinder, die eine gewisse Lesepraxis haben, in Sachen Wortwahl sehr empfindlich sind, sodass also die Furcht, sie würden durch ehemals harmlose und heute kränkende Vokabeln auf Abwege geführt, unbegründet ist. Diese Kinder müssten dann nur noch ihre Erfahrungen mit der Geschichtlichkeit von Texten sammeln, damit sie einsähen, wie wenig rückwirkendes Umschreiben hilft. 

Die Annahme einer harmlosen Kinderseele, die vor schlimmen Wörtern zu bewahren sei, führt in die Irre. Vermutlich ist die gegenteilige Annahme richtig: dass die kindliche Seele keineswegs rein und unschuldig ist, sondern von früh an gesättigt mit Aggressivität – ein Wort, das man nur mit Vitalität übersetzen muss, um es weniger schrecklich zu finden. Der Aggressionstrieb findet etwa in den Märchen der Brüder Grimm das Feld, auf dem er sich unschädlich austoben darf. Die Märchen verstoßen gegen alle Regeln politischer Korrektheit. Es herrschen dort Mord und Totschlag, Mütter werden verbrannt und Söhne umgebracht. Das muss niemanden erschrecken, denn derlei ereignet sich im Kopf, passiert aber nicht wirklich. 

Wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Und wenn nicht, würde es nicht helfen, die Märchen umzuschreiben. Wie überhaupt das Fälschen noch nie geholfen hat. 

Quelle: Ulrich Greiner in „Zeit online“ vom 17.01.2013 

„Die kleine Hexe“:

Seit 1957 bemüht sich Otfried Preußlers kleine Hexe um die Anerkennung ihrer älteren Kolleginnen. Aber wie benimmt sich eine gute Hexe – muss sie Gutes tun oder besonders Böses? Darüber herrscht offenbar nicht nur bei den Figuren der Geschichte selbst Verwirrung, sondern auch bei den Lesern. Dass sich in der Kleinen Hexe Kinder als Neger und Türken verkleiden, soll nicht mehr sein, hat der Verlag nun entschieden.

 „Jim Knopf“:

Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomitivführer – der erste Band erschien 1960 – spielt auf der Insel Lummerland. Dort dreht Lokomotivführer Lukas seine Runden in einer schnaufenden Dampflok namens Emma. Per Post landet eines Tages ein schwarzes Baby auf der Insel: Jim. Er, Lukas und Emma machen sich gemeinsam davon – früher hieß es: nach China. Doch China wurde umbenannt in »Mandala«. Die Gestalten, die das fremde Land bevölkern, dürfen weiter Ping Pong und Pi Pa Po heißen. Auch Jim ist weiterhin schwarz. Wie lange noch? 

„Pippi Langstrumpf“:

Die neunjährige Pippi, die alleine in der Villa Kunterbunt lebt und  die Erwachsenen der kleinen, kleinen Stadt in den Wahnsinn treibt,  wurde 1941 von Astrid Lindgren erdacht. Pippis Vater, ein Kapitän,  ist irgendwo auf hoher See. Er sei Negerkönig geworden, glaubt  Pippi – ein weißer Negerkönig, der grundsympathisch erscheint,  obwohl er so gut wie nie für seine Tochter da ist. Der Negerkönig ist  dem Verlag Oetinger zuliebe seit einiger Zeit ein »Südseekönig«

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Der Papst, die Klingonen und Gottes Meteorit


Wenn man all den Unsinn liest, der derzeit über den Papst, den Meteoriten im Ural und den Asteroiden verbreitet wird, ist eine Richtigstellung hier dringend notwendig:

Der Papst kündigt am 11.02. seinen Rücktritt an, weil er seine Schäflein nicht mehr hüten kann. Ihm ist klar geworden, daß er als Stellvertreter Gottes sich nicht mit den  hundertausendfachen Kindesmißbrauchern, Moralaposteln und bigotten Inquisitoren,  die vom Vatikan ausgebildet, angestellt und bezahlt werden, auseinandersetzen will.  Er strebt nach Höherem.

Gott, der derzeit in einem weit entfernten Sonnensystem unterwegs ist, um auch dort Adams und Evas zu schaffen, erfährt erst am Freitag vom Rücktritt seines Stellvertreters. Er reagiert sofort und schickt in einem Ein-Mann-Raunschiff einen neuen Stellvertreter los, der auf der Erde für Ordnung und Zucht sorgen soll.

Die Klingonen kriegen das Ganze spitz. Da sie Gott gerne einen kleinen Streich spielen wollen, senden sie zeitgleich den Asteroid 2012 DA14 los, um den neuen Papst noch abzufangen, bevor der auf der Erde landen kann.

Es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd. Fassungslos verfolgen die Erdlinge, die über große Fernrohre verfügen, das Treiben im All.

Hier ein Originalbild vom Freitag, 15.02.2013:

Klingonen jagen neuen Stellvertreter Gottes

Kurz bevor der neue Papst plangemäß in den USA auf dem normalen UFO-Landeplatz in Roswell, New Mexico landen kann, wird er vom Klingonen-Asteroid eingeholt und fast gekapert. Nur durch eine Richtungsänderung kann er das verhindern. Gottes Raumschiff landet daher außerplanmäßig und mit großem Brimborium im Ural.  Der internationalen Öffentlichkeit wird das Ganze als „Meteoriteneinschlag“ verkauft.

Während der neue Papst ziemlich lädiert in den Petersdom gebeamt wird, um dort in der üblichen Konklaveshow mit schwarzen und weißen Rauchschwaden nach einigen Fake-Wahlgängen von den anderen Marionetten, die Gott als Kardinäle eingesetzt hat, auserkoren zu werden.

Da der neue Papst lädiert ist und einen ordentlichen Schlag ans Hinterhirn erhalten hat, braucht man sich nicht zu wundern, wenn er wieder unverständliche Dogmen verkündet und zum Beispiel frauen-sowie schwulenfeindliche Predigten halten wird. Gott wirds nicht jucken, der ist anderweitig mit neuen Schöpfungsgeschichten beschäftigt. Außerdem wird das Beharren des neuen Papstes an so unlogischen Dingen wie Marias unbefleckter Empfängnis oder der Himmelfahrt von Jesus Christus sowie seine verklemmte Haltung zur Sexualität der beste Beweis sein, daß er schon angeschlagen von seiner Landung mit seinem Raumschiff ins Amt startete…

Die Klingonen ärgern sich, daß er ihnen doch noch einen Haken geschlagen hat und fliegen einige tausend Kilometer an der Erde vorbei. Sie senden allerdings noch eine Botschaft an Captain Kirk alias William Shatner alias Denny Crane. Darin kündigen sie an, auch weitere Stellvertreter Gottes abfangen zu wollen oder irreparabel zu beschädigen.  Aber Päpste, die dummes Zeug von sich geben, sind wir Erdlinge ja schon seit vielen Jahrhunderten gewohnt.

Die CIA landet derweil im Ural und schnappt den Putinisten die wertvollsten Teile von Gottes Raunschiff weg, um  dieses in Roswell nachbauen zu können.  Das wird allerdings dauern, denn so ein göttlicher Bauplan mit all seiner Unlogik hat es bekanntlich in sich…

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Der Pudding im Kanzleramt


Was unterscheidet eigentlich die Bundeskanzlerin von Barak Obama? – Ich meine außer dem Geschlechtsunterschied?  Bild

Barak Obama macht Aussagen. Ob die mir nun gefallen oder nicht, aber ich sitze beim frühstück, lese Zeitung und stimme ihm zu oder ärgere mich über ihn. Zum Beispiel wenn er vekündet, das „Jahrzehnt der Kriege“ sei vorbei. Frommer Wunsch, my dearest President! Angesichts steigender Waffenexporte und immer schlimmerer Kriege z. B. in Afrika, aber auch der ständigen Kriegsgefahr im Nahen Osten oder in der Region Indien-Pakistan-Afghanistan finde ich solche Aussagen schon ziemlich ignorant und – sorry, Obama – ein wenig wirklichkeitsfremd.

Merkel zuzuhören bedeutet, einem ständigen Singsang von Nichtigkeiten zu lauschen. Stellen Sie sich doch mal vor, sie würde mal wirklich was Wichtiges sagen und einem eine Ahnung vermitteln, sie habe politische Ziele, die über den reinen Sesselfurzer-Erhalt im Bundeskanzleramt hinausgehen würden. –  Etwa:

„Das Jahrzehnt von Hartz4 ist beendet, ich schäme mich dafür, daß es so viel arme Menschen in Deutschland gibt“.  – Oder:

„Das Jahrzehnt der Abzocker an den Börsen ist beendet, das Spekulieren mit Lebensmitteln wird verboten und wir bekämpfen Armut und Hunger weltweit.“  

Ich prognostiziere, daß die Bundeskanzlerin weiterhin den Pudding spielt, den man nicht an die Wand nageln kann.  

Wir haben Helmut Kohl gegen Gerhard Schröder getauscht – Den Aussitzer aller Probleme gegen den Kanzler der Verarmung und der Reichen.  Und Schröder gegen ein weibliches Exemplar von Helmut Kohl – Aussitzen ist wieder angesagt.  So miefig wie derzeit stelle ich mir nur noch die Adenauer-Ära vor.  Und eine Jugendrevolte wie anno dazumal ist ja leider nicht mal ansatzweise in Sicht.  Stattdessen shoppen die Girls und die Boys sind metrosexuell unterwegs. Ohne Ecken, ohne Kanten.

Merkel färbt halt ab.  Ob das eine historische Leistung von ihr ist, mögen andere Generationen bewerten. 

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Die große Heimsuchung


Aus aktuellem Anlass setze ich heute hier einen Artikel von Rainer Trampert auf meinen Blog, der sich mit den Persilscheinen beschäftigt, die derzeit wegen Jakob Augstein und dessen Einschätzung als Antisemit durch das Simon-Wiesenthal-Center unter der deutschen Journaille verteilt werden.  Antisemitismus? Gibts nicht, gabs nicht, haben wir noch nie von gehört… 

Der Artikel erschien bei jungle-world und bei rainertrampert.de/

Große Erregung! Überall drängeln sich wieder deutsche Kronzeugen, die Deutschen eine tadellose Gesinnung bescheinigen. In den fünfziger Jahren mussten sie für die »Persilscheine« auf dem Schwarzmarkt Geld berappen. Heute gibt es sie gratis und in jeder Menge. Die Zeit fragt, ob sie »durchdrehen: Israel und seine Lobby«? Die Süddeutsche Zeitung wirft dem Simon-Wiesenthal-Center (SWC) »eine Feinderklärung« vor, die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht »schwere intellektuelle und strategische Fehler« des SWC. Die Frankfurter Rundschau bekennt dümmlich: »Aus Augsteins Texten spricht kein Ressentiment.« Peinlich, daher repräsentativ, solidarisiert sich der Parlamentskorrespondent der Taz mit dem »scharfen, rationalen Kritiker« Jakob Augstein: »Wir Antisemiten!« Der Rundfunk Berlin-Brandenburg nahm Henryk M. Broder aus dem Programm: »Wir reden stattdessen mit einem Antisemitismusexperten.« Augstein selbst immunisiert sich mit dem gebräuchlichsten Gegengift. Er bedauert, dass Juden den großartigen Kampf der Deutschen gegen den Antisemitismus schwächten, was »zwangsläufig der Fall« sei, wenn sie ihn, den deutschen Journalismus, kritisierten. Aber »jeder Kritiker« müsse damit rechnen, »als Antisemit beschimpft zu werden«. Dieser Reflex ist effektvoll, weil er mehrere Stereotype für den Gegenangriff zentriert. Er macht in routinierter Täter-Opfer-Umkehr den Deutschen zum Opfer der Juden, deklariert Juden zu Verursachern des Antisemitismus und kolportiert das Gerücht von der jüdischen Allmacht. Ja, darf denn keiner mehr Israel kritisieren in einem Land, »wo ›Israelkritik‹ Volkssport ist?« (Titanic)

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Wäscht Augstein seine himmelblauen Hemden mit Persil? Mal Broder fragen! (Foto: PA/akg-images)

Dass bürgerliche Medien die jüdische Einrichtung mit Bannfluch belegen und Jakob Augstein ungeprüft als kritischen Journalisten durchwinken, dokumentiert, dass er einer von ihnen ist und sie es ungehörig finden, dass er gemeinsam mit Sudel-Antisemiten aufgelistet wird. Augstein ist reich und repräsentiert die deutsche Medien- (Spiegel, Freitag, Phönix) und Leitkultur. Wie Martin Walser, der vor ihm seinen Ekel vor der »Auschwitzkeule« kundtat, was die versammelten Bildungs- und Großbürger ihm mit stehenden Ovationen dankten. Augstein ist Teil der deutschen Elite, die jedes Jahr den grünen Hügel in Bayreuth hinaufwallt, um hautnah zu erleben, wie der »kulturunfähige« Jude »Beckmesser« in Richard Wagners Meistersingern zuerst ausgelacht und dann über die Bühne geprügelt wird.

Weder Deutschlands Elite noch sein Tresenpublikum nimmt es hin, dass Juden den deutschen Journalisten, der über Nacht ein kritischer geworden sein soll, auf die Liste setzen. Zudem Juden aus den USA, wo jeder Präsidentschaftskandidat »sich vor Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen« zu sichern habe, so Augstein. Zwar hat der Kandidat sich bei tausend Gruppen beliebt zu machen, auch bei Schwulen, ohne dass sie in den Geruch kämen, die Welt zu beherrschen. Aber bei Juden ist das anders. »Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr«, schreibt Augstein, »Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen«. Deutsche Politik, Justiz, Wirtschaft – das alles wird von Jerusalem gesteuert? Ob dieser Ohnmacht stellt er verzweifelte Resignation zur Schau: »Israel bekommt das, was es will.« Erst hätten »die Deutschen Hunderte von Millionen überwiesen (…). Später haben sie U-Boote hinterhergeschickt.« Für Jerusalem setze man alle »Regeln der guten Haushaltspolitik und der marktwirtschaftlichen Ordnung (…) außer Kraft«. Auch deren Charakter will er uns nicht verheimlichen. Als Angela Merkel einmal »kurz versucht« habe, eine kleine Gegenleistung »für die deutsche Großzügigkeit« zu bekommen, hätten sie gelacht. Und »als die Israelis mit dem Lachen fertig waren«, da war auch Merkel fertig. Für Gregor Gysi sind die Appelle an die jüdische Weltherrschaft und Arglist gute Gründe, Augstein als »herausragenden und kritischen Journalisten« zu würdigen. Vielleicht mögen sie sich – wegen der Kalauer. Okay, Gysi hat die Partei zusammenzuhalten. Hielte er Augstein für einen Antisemiten, müsste er gegen die Hälfte seiner Genossen Ausschlussanträge stellen.

Der antisemitische Verschwörer muss nichts wissen, nur seinen Eingebungen folgen. Wer wissen wolle, wer hinter dem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Bengasi steckt, müsse nur fragen: »Wer profitiert davon?« Israel, flüstert die Eingebung. Überall zünden zornige junge Männer amerikanische Fahnen an, »aber die Brandstifter sitzen anderswo«, weiß er jetzt, und deshalb seien islamistische Milizen, die mit schwerem Kriegsgerät die US-Botschaft zerstört und fliehende Botschaftsangehörige ermordet haben, »ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi«, Opfer von »Wahnsinnigen und Skrupellosen« in der Knesset, denen die Toten gerade gelegen kamen, weil sie gerade »immer heftiger« darauf drängten, den Iran zu bombardieren. Ach ja, die Wut begann nach dem Mohammed-Film des Kopten. Schnell fragt Augstein: »Kann man sich vorstellen, dass der (…) Kopte in anderem als im eigenen Auftrag handelte?« Wir ahnen, dass der Kopte ohne Hilfe aus Israel zu gar nichts fähig war, oder vielleicht doch, »zumindest traut man ( …)  der israelischen Regierung« so etwas zu.

Der verkehrte Opferritus impliziert, dass mit jeder Hamas-Rakete die jüdische Generalschuld wächst. Wer bei Verstand ist, fragt sich: Was soll es Israel nützen, von der Welt gehasst zu werden? Warum soll Israel, wenn es Atombunker im schiitischen Iran bombardieren will, die Sunniten gegen sich aufbringen? Warum soll ein Kopte nicht fähig sein, schlechte Filme zu drehen? Augsteins antisemitischer Okkultismus taugt nicht mal fürs Astro-TV, wird aber von allen Medien, die als seriös gelten, als kritischer Journalismus gewürdigt. Wo lebe ich?

Augsteins größter Wurf ist die Opfer-Täter-Umkehr. Benjamin Netanyahu führe »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs«, schreibt er. Die Nähe zum »anschwellenden Bocksgesang« von Botho Strauß, mit dem der ausdrücken will, dass Stammeskulturen sich durch die Tötung Fremder naturhaft regenerieren, ist kalkuliert. Er fügt bestätigend hinzu, dass Israel eben »außer Gewalt kaum eine Antwort« kenne. Sein Held Günter Grass habe zu Recht geschrieben, dass Israel »den ohnehin brüchigen Weltfrieden« gefährde und einen Plan schmiede, der »das iranische Volk auslöschen« könne. »Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt,« schreibt Augstein, »dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.« Religiöse Erlöserrhetorik aus Dankbarkeit und Bewunderung! Grass hat den Deutschen den auf ihnen lastenden Fluch genommen. Sie können nun – unter Berufung auf ihren Nobelpreisträger – Juden des beabsichtigten Völkermords und der Gefährdung des Weltfriedens bezichtigen, können die schlimmsten Taten der Deutschen auf Juden projizieren. »Es musste gesagt werden«, atmet Augstein auf. Grass spielt in diesem Bühnenstück den »Arier«, der vor der jüdischen Bluttat warnt, und Augstein den Jünger, der ihn als Messias anbetet. Diese »Zeilen« werden einmal »zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen«, wie bei dem anderen die Bergpredigt. Versöhnt mit der eigenen SS-Vergangenheit, lässt es sich ruhig sterben.

Da dem Juden weder Völkermord noch Weltkrieg anzulasten ist, konzipieren Augstein und Grass eine fiktive Welt, in der Juden es umso mörderischer treiben würden. Die dreißig realen Kriege auf der Welt, mit denen Israel nicht das Geringste zu tun hat, werden ignoriert, so dass Krieg führende Staaten auch nicht als Kriegsgefahr in Erscheinung treten. Der Iran und Saudi-Arabien bekriegen sich im Irak und in Syrien, Syrien schießt auf die Türkei, die Türkei holt die Nato zur Hilfe, im Kongo morden Stellvertretermilizen, Afghanistan, Sudan, die USA entsenden Flugzeugträger nach Asien, wo China Gewässer beansprucht, die US-Verbündete für sich reklamieren. Die realen Kriege und bedrohlichen Konflikte stellen in der Scheinwelt des Antisemiten kein Risiko dar – es gibt sie nicht, auch nicht die Opfer. Der Antisemit verhält sich zwangsläufig gegenüber anderen rassistisch, weil ihm ein einziger, von Israel getöteter Hamas-Krieger wertvoller ist als eine Million Tote mit schwarzer Haut.

Die Opfer-Täter-Umkehr begegnet uns auch in der Bewertung des Nahost-Konflikts. Manisch soll die israelische Regierung »die einzige« sein, »die gegenwärtig den Weltfrieden (…) gefährdet«, »den sogenannten arabischen Frühling für sich ausnutzt« und »vor allem den Krieg in Syrien fördert« (Freitag). Für den Antisemiten fördert Israel den arabischen Frühling und den Krieg in Syrien und ist gegen beide. Die Propaganda kann auf die Verkümmerung des Intellekts keine Rücksicht nehmen. Für Augstein ist die Bewaffnung Israels nicht Schutz vor Staaten, die jede Woche ihre Absicht verkünden, die Juden zu vernichten, sondern eine Bedrohung für die Verkünder. So werde der Iran durch Israel »genötigt«, »eine eigene Bombe zu haben«, und jede Waffe für Israel erhöhe den Druck auf »arabische Nachbarstaaten, selbst zum Mittel der nuklearen Aufrüstung zu greifen«. Den erklärten Feinden Israels die atomare Aufrüstung ans Herz zu legen und Israel die Entwaffnung zu gönnen, nimmt gedanklich die Vernichtung der Juden in Kauf.

Augstein scheut nicht einmal Begriffe, die Israel in die Nähe des Dritten Reichs rücken. Er propagiert Gaza als »Endzeit des Menschlichen«, als »ein Gefängnis. Ein Lager (!)«, wo Menschen »zusammengepfercht hausen«. Die Gaza-Bewohner haben eine Lebenserwartung von 74 Jahren, so hoch wie in Ungarn und höher als in der Türkei und in über hundert Staaten, und sie können, wenn ihnen danach ist, Raketen abschießen, um Juden zu töten. Diese Lager-Metaphorik ist genauso unanständig wie die Bluttaten, die Augstein in seinem Freitag von Eingeweihten kolportieren lässt. Da tun Juden ständig harmlosen Menschen Gewalt an, »allen voran Kinder und Frauen«. Da will sich ein Kind einen Geburtstagskuchen kaufen, »als sein junges Leben« durch Kugeln aus einer israelischen Waffe beendet wird. Alles erinnert an den »Kindsmord« im Mittelalter.

Jakob Augstein ist weder harmlos, noch geht es ihm um Kritik an der israelischen Politik. Er erfüllt alle geläufigen Kriterien des Antisemitismus. Man stößt auf das Vorurteilssyndrom bis zu wahnhaften Projektionen, die modernen Synonyme für Judenheit: Israel oder Jerusalem, den Griff nach der Weltherrschaft, die Störung eines vermeintlichen Weltfriedens, die jüdische Verantwortung für den nächsten Weltkrieg, die Täter-Opfer-Umkehr bis zum unterstellten Völkermord, auf jüdische Blutbäder und Kindsmorde. Die Fragen, ob Augstein auf die Liste gehört oder der richtige Zeuge gefunden wurde, lenken nur ab. Man sollte den Initiatoren der Liste danken, dass sie die Weltöffentlichkeit auf den smarten Dauerhetzer aus Deutschlands Top-Medien aufmerksam gemacht haben

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