Punk-Mädel Tanja: Neues aus der Unterschicht


Wir werden nicht alle gleichwertig geboren.
Eine Antwort auf „Angriff von der Unterschicht“.

Tanja  kommt in einer Familie zur Welt, die keine Familie ist. Ihre Welt besteht aus einem Zimmer mit ihrer älteren Schwester im Stockbett und ihrem älteren Bruder, der, als sie 5 Jahre alt ist, zum ersten Mal in den Knast kommt. Die Mutter wechselt häufig ihre Lebenspartner, die mit fortschreitendem Alter immer jünger werden.

Ihre Mutter lebt wie deren Mutter: Die Hoffnung auf ein berufliches Fortkommen jenseits von Gelegenheitsjobs als Putze oder Aushilfe bei Drive-in-McDonalds hatte sie nie, eine Perspektive, die sie motivieren würde, sich weiterzubilden, hat sie nie entwickelt.

Dafür ist die Mutter sehr gut im Umgang mit den sozialen Behörden der Stadt. Sie steht mit vielen Sachbearbeiter(innen) auf Du und Du und weiß stets, wie sie das Geld und die Sachzulagen vom Sozialamt organisieren kann. Sie lebt mit einigen anderen Frauen in einem Nachbarschaftsnetzwerk, das sich nie organisiert hat, aber informell bestens funktioniert. Zieht die Eine aus einer Wohnung aus, zieht die Andere ein.  Frau hilft sich jenseits bürgerlicher Frauennetzwerke und hält sich in der untersten Schicht überlebensfähig.

Während die Mutter schon kurz nach Tanjas Geburt wieder unterwegs ist, ist Tanja meist allein mit sich, der Schwester und der großen Glotze, die im Wohnzimmer meist 24 Stunden läuft. Sie ist nie sicher, wer kommt und wann… emotionale Sicherheit erfährt sie nie, körperliche Zuwendung besteht nicht aus Streicheln, sondern aus gelegentlichen Schlägen, wenn sie die Großen nervt.

In der Kita fällt Tanja zunächst auf, weil sie still und zurückgezogen ist. Da zuhause selten gesprochen wird, hat sie wenig Möglichkeiten, sich auszudrücken und ist spracharm. Im Laufe der nächsten drei Jahre gesellen sich gelegentliche starke Wutausbrüche dazu, da sie nicht gelernt hat, Streitigkeiten verbal auszutragen.

Während die meisten anderen Kinder von ihren Eltern abgeholt werden, ist Tanja oft das letzte Kind und wird von wechselnden Freundinnen und Partnern ihrer Mutter abgeholt. Schwimmen lernt  sie nicht, dafür ist weder Geld noch Zeit noch der Wille der Mutter vorhanden. Auch nimmt die Mutter keine Hilfsangebote der vorhandenen Frühförderung an.  Logopädie und heilpöädagogische Praxis sind ihr zu weit entfernt, als das sie mit Tanja dort hingehen würde.

In die Schule geht Tanja gerne. Da sie aber von Beginn an oft ohne vollständigen Schulranzen erscheint, wird zwar der Gang in eine Sonderschule vermieden, jedoch reicht es nach der Grundschule eben nur zur Hauptschule.

In Klasse 5 will die Lehrerin wissen, was sich denn die Kinder so  als Lebens /Berufsziel vorstellen.  Tanja gehört zu mehreren Kindern, die daraufhin sagen: „Ich werde mal Hartz4“.

Zuhause gibt es von Kleinauf an keine geregelten Mahlzeiten. Höhepunkte im Familienleben, wenn man es denn als solches bezeichnet, gibt es nicht. Selbst Geburtstage werden immer öfter vergessen, es ist ein immer gleich verlaufendes Leben ohne eine Entwicklung nach vorne.  Alkohol und Prolo-Fernsehen bestimmen den Alltag der Mutter, die immer häufiger krank ist und sich für Tanja, ihre Pubertät und ihr schulisches Fortkommen nur dann interessiert, wenn ein Besuch vom Sozialen Dienst ansteht.

In Klasse 8 steht ein erster Ausflug mit Übernachtung an. Tanja kommt zwar mit, muß aber noch am späten Abend nach Hause gebracht werden, weil sie massive Panikattacken im Dunkeln bekommt.  Sie war immer dünn, magert aber zunehmend noch mehr ab. Auch die Schule schwänzt sie nun, meistens wegen vorhandener Bauchschmerzen.

Weitere Klassenausflüge macht sie nicht mehr mit. Eine aufmerksame Lehrerin sieht die Symptome, die deutlich auf körperliche Gewalt und/oder sexuellen Mißbrauch hindeuten und sucht das Gespräch mit Tanja, auch mit der Mutter.  Da die Mutter das Ganze verharmlost, wird ihr trotzdem das Versprechen abgerungen, mit Tanja zu einer Therapeutin zu gehen. Nach einem ersten Mal tauchen Mutter und Tanja dort nie mehr auf.

Tanja verläßt die Schule ohne qualifizierten Abschluss. Zu oft hat sie (auch bei Tests) gefehlt.

Tanja freundet sich während ihres letzten Schuljahres, das sie weitgehend schwänzend in der City und in Shopping-Centern verbringt, mit Jungs aus der Punkszene an.  Einer der Hunde wirft und sie ist nun Besitzerin einer jungen schwarzen Hündin, die sie Karla nennt.  Im Gegensatz zu den Männern ihrer Mutter wird sie hier nicht belästigt, und Karla ist einer der ersten Höhepunkte in ihrem jungen Leben, denn sie gehört nur ihr allein.

Karla bekommt von ihr ein buntes Halstuch. Tanja  färbt ihr Haar nun grünblond und fühlt sich in ihrer kleinen Unterwelt, die sich oft am Rande einer Rolltreppe zum Bahnsteig eines S-Bahnhofes abspielt, relativ sicher und geborgen…

Als eine Frau, ihr Fahrrad schiebend, ihre Hündin Karla berührt, eskaliert die Situation kurzfristig. Tanja springt auf, um Karla zu beschützen. Sie schreit: „Votze! Du hast meinen Hund angegriffen, du Votze!“ Und: „Schlampe, kannst du nicht fragen, wenn du durch willst! Ich war sogar so freundlich, meinen Hund wegzunehmen!“ Sie ist außer sich und tritt um sich.  Nur schwer lässt sie sich beruhigen, dann kehrt sie zu ihren Freunden, den leeren Bierdosen, den halbleeren Flaschen und in ihre kleine Welt zurück.

P.S.:

Abklatschen  (Begrüßungsritual) aus der Unterschicht:

ALG  -zwei!

Hartz -vier!

Steuerklasse – fünf!

Economy gangsters!

Über hermanitou

I believe in evolution of all creatures. All creatures are equal. Man is rational. Love is essential. War is evil. Religion can be a value for some men or women, but without political or moral power. Everyone is free but responsible. Slavery is a crime!
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