Wen interessiert Falkland, wer will schon nach Ulm?


Es gab ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben, das dazu führte, daß ich mich seitdem von nahezu jeder Menschenkette und jeder Friedens-und sonstigen Gutmenschenbewegung fernhalte.

Es geschah im April 1982, als Argentinien mit Großbritannien einen Krieg über die Falkland-Inseln führte, in dessen Folge weit über 200 britische Soldaten und fast 700 argentinische Soldaten starben. Gleichzeitig tagte die Friedensbewegung gegen den Nato-Doppelbeschluß.  Ich brachte damals mit einigen Anderen den Antrag in die Versammlung ein, sich gegen Krieg im Allgemeinen und im Besonderen gegen den aktuellen Falkland-Krieg auszusprechen. Nach intensiver kurzer Diskussion wurden wir niedergestimmt mit der Begründung, daß die deutsche Friedensbewegung ja nichts mit diesem Krieg zu tun habe und man sich auf die Stationierung von PershingII hier vor Ort konzentrieren wolle.  Ich habe damals den Saal verlassen und bin nie wiedergekommen.

Schon damals wurde ersichtlich, daß die typisch deutsche Bürgerbewegung nicht über den eigenen Kirchturm hinaus blicken will oder kann.  Ein globaler und grundsätzlicher Blick fehlt den allermeisten Schreihälsen, die – ab und zu wiederbelebt durch Kriege im Irak oder Afghanistan – vor allem Eines fürchten: Daß ihnen der deutsche Himmel auf den Kopf fällt, sprich: Die Taliban eine Atombombe in die Finger kriegen und Omas Klein-Deutsches Häuschen verstrahlen könnten. Dann hängt man schnell wieder seine Peace-Fahne hinaus, die besser Piss-Fahne hieße, weil sie von reinem Egoismus getränkt ist.

Der Krieg, den die Nato, angeführt und angeheizt durch das Kohl/Genscher Deutschland in Jugoslawien führte, lockte keinen dieser Friedensmarschierer hinter dem Ofen hervor. Allerdings trug er zur Klärung bei: Seit diesem Krieg wissen wir, daß die Grünen prinzipiell auch für Kriege zur Verfügung stehen, wenn sie auch dabei so Unwörter wie „Kollateralschäden“ und „humanitäre Einsätze“ erschaffen haben  und kräftig unters Volk brachten. Der Turnschuh-Fischer wurde da zum Zinnsoldaten und ist es bis heute geblieben.

Die S21 Gegner sind zumindest zum Teil vom selben Schlag. Wenn ich mir so die Aktivisten ansehe, die da, nachdem sie schon bei ihrer massenhaften Besetzung der Wiesen und Bäume den von ihnen so geliebten Juchtenkäfer zerquetscht haben, wortreich den Weltuntergang beschwören, der durch das Fällen von einigen Bäumen begonnen hat, frage ich mich, wo diese S21-Massen denn waren und sind, wenn jeden Tag im Amazonasgebiet und anderswo  tausende Bäume den hiesigen Möbelhaus-Göttern  geopfert werden.

Und wenn sie dann „Wer will schon nach Ulm?“ skandieren (was sind auch schon 40 Minuten Fahrzeitverkürzung…) dann sollten sie gleich noch anhängen:

Wer will schon statt 3 Stunden nur noch 2 Stunden von Konstanz nach Stuttgart fahren, wer will schon von Tuttlingen zum Stuttgart-Airport statt in 2 Stunden in 1Std 15 Minuten, wer will schon von Horb statt 1 Std 20 Min nur 37 Minuten brauchen, wen interessieren schon die 3 wichtigen Traffic-Routen  Paris-Bratislava, Amsterdam/Brüssel-München und Mailand-Berlin und daß Stuttgart 21 deren Drehscheibe und wichtigstes Zentrum werden würde?

Stattdessen zündeln die führenden Köpfe mit Volksabstimmungen und Volksbegehren. Sicher liegen diesen Themen die schier unsäglich-arrogante Bürgerferne von Mappus und Konsorten zugrunde. Richtig wäre aber, sich über das gesunde Volksempfinden so im Klaren zu sein wie es die Väter und Mütter des Grundgesetzes waren, die – wohlüberlegt durch den Mißbrauch von Volkes Stimme in der Weimarer Republik – dem gesunden deutschen Stammtisch nicht mehr allzuviel zugetraut haben.  Aber – so in der Wochenzeitung „der Freitag“ darf sich Thomas Rothschild (Literaturwissenschaftler in Stuttgart) schon folgende Gedanken machen:

Mag es noch gute Gründe geben, Entscheidungen von bundes- oder gar europapolitischer Bedeutung nicht der Straße zu überlassen, mag man sich auch scheuen, ein Modell zu befürworten, nach dem „das Volk“ über die Zulässigkeit der Todesstrafe oder über die Thesen eines Thilo Sarrazin abstimmt, so kann es in kommunalpolitischen Belangen durchaus sinnvoll sein, der direkten Demokratie mehr Raum zu schenken.

Wobei hier schon einkalkuliert wird, daß in nicht allzuferner Zukunft auch die Todesstrafe wieder zur Disposition steht.

In Stuttgart hätte es schon seit Jahren viele Möglichkeiten gegeben , den urplötzlich so geliebten Bahnhof mitsamt seinem potthäßlichen Vorplatz zu erhalten. Mehrfach jedoch wurde der CDU-OB wiedergewählt.  17 Jahre lang wurde das Projekt vorgestellt, beschlossen, juristisch dingfest gemacht.

Und ausgerechnet die Grünen laufen nun gegen ein Bahnprojekt Sturm, währenddessen im schwäbischen Ländle die Autobahnen wuchern.

In Stuttgart zeigt sich die Provinzialität und die schwäbische Engstirnigkeit.

Die dort im Unterland kümmern sich einen Dreck darum, daß wir heute ein Europa haben und mit S 21 ein wesentlicher Schritt zum Erhalt und Ausbau des europäischen Schienenverkehrs gemacht wird.

Die dort im Unterland kümmern sich nicht um die Leute aus Oberschwaben, aus Tuttlingen, Konstanz, Horb und Ulm. Sie betreiben keine Kirchturmspolitik, sondern beten den Mercedes-Stern auf dem Stuttgarter Bahnhofsturm an.

Engstirnigkeit hat aber noch nie verhindert, daß die Schwaben die ersten Flieger waren (Schneider von Ulm) und das Auto erfunden haben.  Es besteht also noch eine gewisse Hoffnung.

Die Stimmung hierzulande ist im Kippen, die Leute merken recht rasch, daß dort in der Landeshauptstadt nicht nur engstirnige Mappusse sitzen, sondern auch die Engstirnigkeit täglich zum Demonstrieren geht.


Über hermanitou

I believe in evolution of all creatures. All creatures are equal. Man is rational. Love is essential. War is evil. Religion can be a value for some men or women, but without political or moral power. Everyone is free but responsible. Slavery is a crime!
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Eine Antwort zu Wen interessiert Falkland, wer will schon nach Ulm?

  1. Hallo Hermanitou,
    deinen Text kann ich voll unterschreiben. Mir ging‘s übrigens genauso. Ich bin ganz früher auch immer mit marschiert. Spätestens nach der Bombardierung Jugoslawiens ist klar, aus welchem Holz viele Friedensfreunde geschnitzt sind. Deinen Satz, „Der Krieg, den die Nato, angeführt und angeheizt durch das Kohl/Genscher Deutschland in Jugoslawien führte, lockte keinen dieser Friedensmarschierer hinter dem Ofen hervor.“, unterschreibe ich doppelt.

    Ich bin übrigens gestern von Herrn Kosok deaktiviert worden. In der Freitags-Community kann ich deshalb nicht mehr mitschreiben. Macht aber nix, ich beobachte weiterhin. Nähere Infos dazu bei thinktanboy.

    Viele Grüße aus Bayern nach Baden Württemberg
    Manfred Breitenberger

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